Kernenergie — eine teure Altlast
Erlebnisbericht aus dem Besuch des KKW Würgassen mit unserem Landtagskandidaten Jonas Wagener
Am Mittwoch, den 24. Februar 2010 fand der erste Besuch der Jusos im Kernkraftwerk Würgassen statt. Wir möchten allen Interessierten hiermit kurz darüber berichten und vielleicht schon einmal einen kleinen Vorgeschmack geben, was die Besucher des zweiten Termins am Donnerstag, den 4. März 2010 erwartet.
Zunächst möchten wir unseren Dank an André Kirwald, den Vorsitzenden der Jusos im Kreis Paderborn richten. Ohne seine Organisation und Werbung vor Ort in Paderborn hätten wir die notwendige Teilnehmerzahl für einen Besuch des Kernkraftwerks nicht erreicht. Vielen Dank!
Wir haben uns um kurz vor 18:00 Uhr auf dem Besucherparkplatz getroffen und wurden an der Pforte von 2 Objektschützern empfangen. Anschließend, wurden wir von Herrn Klimmek in einem separaten Konferenzraum begrüßt. Herr Klimmek ist ein langjähriger Mitarbeiter des Kernkraftwerks seit 1975 (früher PreussenElektra, heute E.ON), also eigentlich seit der Inbetriebnahme. Nach einem Vortrag über den Leistungsbetrieb und den seit 1996 stattfindenden Rückbau des Kernkraftwerks, bekamen wir die wichtigsten Vorabinformationen und konnten bereits einige Fragen klären.
Anschließend, konnten wir uns von den Rückbaumaßnahmen im Werk selbst ein Bild machen. Vor dem Betreten des eigentlichen Betriebsgeländes des Kernkraftwerks, wurden wir zunächst von den bereits genannten Objektschützern kontrolliert, vergleichbar den Personenkontrollen an Flughäfen. Wir haben unsere Ausweise vorgelegt und bekamen dann Besucherausweise in Form einer roten Kunststoffkarte, die sichtbar am Körper zu tragen sind. Danach wurden wir auf Waffen, metallische Gegenstände oder andere gefährliche Gegenstände überprüft. Interessanterweise seien Mobiltelefone zwar erlaubt, aber deren Betrieb nicht.
Bevor wir über das ins Dunkel der Nacht getauchte Betriebsgelände ins Kraftwerksgebäude gelangten, zeigte uns Herr Klimmek eine Routinemessung, die alle Mitarbeiter vornehmen müssen, welche den Sicherheitsbereich betreten. Die Messung liefert den Referenzwert der Grundstrahlung. Danach ging es über Treppen, einen Aufzug, verwinkelte Gänge und alte Büros im Charme der 70er Jahre zum Kontrollbereich, welcher die Schleuse zum Sicherheitsbereich ist.
Zweifelsohne ist der Kontrollbereich für die meisten Erstbesucher sowohl einer der Höhepunkte, als auch der lustigste Teil eines Besuchs. Denn am Kontrollbereich angelangt, musste alle Kleidung bis auf den Lendenbereich (ja, sowohl Männlein als auch Weiblein, jedoch natürlich getrennt) in Schließfächern eingeschlossen werden. Ebenso, mussten alle nicht angemeldeten Gegenstände spätestens dort zurück gelassen werden. Der Kontrollbereich ist nur durch eine Drehtür betretbar. Im Kontrollbereich bekommen Mitarbeiter (orange) und Besucher (weiß) jeweils verschiedenfarbige Arbeits- bzw. Werkskleidung, bestehend aus Schuhen, Strümpfen, Overall und Helm. Zudem bekam jeder Besucher im Rahmen des Strahlenschutzes einen Füllhalterdosimeter. Die Mitarbeiter tragen digitale Dosimeter, welche eine integrierte Alarmvorrichtung besitzen.
Das Kraftwerksgebäude selbst, besteht aus zwei Gebäuden: Dem Reaktorgebäude und dem Maschienengebäude oder Generatorgebäude.
Zunächst haben wir das Reaktorgebäude besichtigt, wo mittlerweile das letzte Stück des Reaktordruckgefässes in einem sehr aufwändigem Verfahren unter hermetischer Versiegelung, Unterdruck und mit speziell nur für diesen Zweck gebauten Maschienen zerlegt wird. Im hermetisch verschlossenen Abrissbereich müssen die Mitarbeiter zusätzliche Schutzkleidung und Handschuhe sowie Atemmasken tragen, um eine Kontamination mit dem bei der Zerlegung entstehenden, zum Teil, radioaktiven Staub zu vermeiden.
Dann führte uns Herr Klimmek durch das Maschienengebäude, welches früher den riesigen 44m langen und den 670 MW leistungsstarken Generator samt Turbinen beherbergte. Leider fand sich keine geeignete Wiederverwendung bzw. Käufer für die damals immer noch im einwandfreien Zustand befindliche Einzelanfertigung. Wo damals der Generator und die Turbinen standen, sind nur noch gähnende Löcher im Boden zu sehen, die die gewaltigen Ausmaße nur erahnen lassen.
Heute findet im Maschienengebäude die Konditionierung und Verpackung von schwach- und mittel radioakiven Abfällen statt. Dort werden alte Anlagen und anfallende Stoffe aus dem Kernkraftwerk mittels verschiedener Verfahren (z. B. Sandstrahlen, Abfräsen etc.) gesäubert, zerkleinert oder verdichtet sowie anschließend verpackt oder zum Abtransport bereitgestellt. Die Verpackung des mittel radioaktiven Abfalls wird in so genannte Konradbehälter vorgenommen und auf dem Betriebsgelände des Kernkraftwerks bis zur Auslieferung an das Endlager Konrad in Salzgitter zwischengelagert. Die leicht radioaktiven Abfälle werden in gelbe 800l Fässer verpackt und ebenso auf dem Gelände des Kernkraftwerks zwischengelagert.
Zum Abschluss zeigte uns Herr Klimmek Räume unterhalb des Maschienengebäudes, die als erste rückgebaut wurden und nun einen Rohbau Charakter besitzen. Da fast alle Wände des Kraftwerkgebäudes aus Beton gefertigt wurden und an ihnen sich über die Jahre kleinste radioaktive Partikel abgesetzt haben, müssen diese entsprechend abgefräst und entsorgt werden. Deshalb bekommen die Räume nach einer solchen Behandlung einen Rohbau Charakter.
Nach der ca. 1½ stündigen Führung durch den Sicherheitsbereich gelangten wir wieder zum Kontrollbereich. Das Verlassen des Kontrollbereichs gestaltete sich auch sehr interessant, da man durch 3 Detektoren gehen musste, welche jeweils verschiedene Kontaminationen und Strahlungen messen. Nachdem die Stimme einer netten Dame aus dem Computer der Detektoren uns versicherte, dass wir nicht kontaminiert waren, durften wir jeweils zum nächsten Detektor gehen bis wir den Sicherheitsbereich, natürlich wieder nur in Lendenbedeckung, verlassen haben.
Zum Schluss umrundeten wir dann das Kraftwerksgebäude von Außen und sind zurück zum Ausgangspunkt, dem Konferenzraum, marschiert. Dort gab es dann noch Erfrischungen und eine abschließende Diskussion, die bis ca. 22:00 Uhr andauerte, wo noch sehr interessante politische Argumente hinsichtlich der Kernenergiepolitik ausgetauscht worden sind.
Fazit: Alles in Allem, eine wirklich gelungene Veranstaltung. Der Besuch deckt vor allem sehr eindrucksvoll auf, welch ein gigantischer technischer und logistischer Aufwand es ist, den Rückbau eines Kernkraftwerkes verantwortungsvoll durchzuführen. Er ist durchaus machbar, natürlich vorausgesetzt, die Frage der Endlagerung ist gelöst. Aber die Kosten und der Aufwand sind gewaltig. Laut Herrn Klimmek sind Rückstellungen von etwa 1 Mrd. € (inkl. Abfallgebühren) durch den Betreiber für den Rückbau veranschlagt worden. Wenn man durch das Kernkraftwerk geführt wird, kann man, auch ohne ein Experte zu sein, problemlos erkennen, dass diese Summe auch notwendig ist. Zum finanziellen Aufwand kommt ja noch die Zeit hinzu. Das Kernkraftwerk befindet sich mittlerweile seit 14 Jahren im Rückbau und wird voraussichtlich 2014 abgeschlossen sein.
Zusammenfassend beurteilt Jonas Wagner die Situation so: „Hätten die Menschen, die vor Jahrzehnten für die Kernenergie entschieden haben, die gewaltigen Probleme erahnen können, hätten sie es nie gewagt.“ Und das, sagen auch die Betreiber.
Durch ein positives Feedback vor Ort von einigen Teilnehmern und ihr Interesse an weiteren Veranstaltungen, werden wir versuchen, im Laufe des Jahres einen weiteren Termin zu finden, und zwar beim KKW Grohnde, welches noch im Leistungsbetrieb ist und erst im Jahre 2020 abgeschaltet werden soll.
Ursprünglicher Autor: Sebastian Siebrecht (Jusos Kreis Höxter)
Ergänzt und redaktionell bearbeitet: Jakob Wisor
Schlagworte: Atomkraft, Atomkraftwerk, Endlagerung, Energiequellen, erneuerbare Energien, Höxter, Jusos, Kernenergie, Kernkraftwerk, Kreis, Paderborn, Umwelt, Würgassen


Do, 25.02.2010
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